Ein Verein, der 1859 in normal-bürgerlicher Kleidung tagte und sich mit „Meine Herren!" anredete, hat zwei Jahre später Ritternamen, Ceremonial, Ämter und ein Burgverlies. Woher kam das alles?
Das Rätsel
Am 10. Oktober 1859 gab es kein „Ihr", keine Kappe, kein Fünkchen von einem Rittertum — das ist auf dieser Seite belegt. Und doch steht die Schlaraffia zwei Jahre später mit einem fast vollständigen Ritter- und Hofstaat da: Kanzler, Marschall, Mundschenk, Schatzmeister, Truchsess, Herold, Hofnarr, Bannerträger, Ceremonienmeister — dazu Orden, Pön, Burgverlies, Reichsacht und ein Burgvogt. Ein solches Repertoire entsteht nicht aus dem Nichts. Die Frage, woher es kam, hat 1962 eine Antwort bekommen — von jemandem, der kein Schlaraffe war.
Die These von 1962
Dr. Dietrich Herzog trug auf der 22. Deutschen Studentenhistorikertagung eine These vor: Das schlaraffische Ritter- und Hofstaatspiel gehe auf das studentische Bierherzogtum der „Prager Lichtenhainer" zurück — eine Verbindung, die im Sommersemester 1859 nach Jenaer Vorbild entstanden war, wenige Monate vor der Schlaraffia selbst.
Der Kern des Indizes — derselbe Gasthof
Die Lichtenhainer hatten ihr Versammlungslokal 1859/60 im Gasthaus „Zum Hopfenstock" in der Wassergasse. In genau dieses Haus zog die Schlaraffia im Herbst 1860 ein — als ihre erste eigene Burg. Zwei Vereine, ein Wirtshaus, ein Jahresring Abstand.
Die Parallelen
Die Ähnlichkeiten reichen weit über den Ort hinaus. Ein gewählter regierender Fürst im Hermelinmantel, der im Plural majestatis spricht; „Reichsbürger" unter einem „Bürgermeister", woraus bei der Schlaraffia der Junkermeister wurde; die ganze Ämterreihe — Bannerträger, Ceremonienmeister, Herold, Hofnarr, Kanzler, Marschall, Mundschenk, Schatzmeister, Truchsess; ein Orden aus bemaltem Blech; Pön, Burgverlies, Reichsacht, Burgvogt; und die Formel „contra usum", die auch die Schlaraffia für Verstöße gegen ihr Ceremonial kennt.
Der Kronzeuge aus den eigenen Reihen
Der stärkste Hinweis kommt nicht von Herzog, sondern von einem Schlaraffen selbst. Rt Hutten spricht 1861 vom „Usurpieren der Ritternamen" — ein Wort, das nur einen Sinn ergibt, wenn die Namen tatsächlich von woanders her übernommen wurden, nicht neu erfunden.
Die zweite Spur — „Schlaraffias Wiege"
Es gibt einen zweiten, unabhängigen Hinweis, der in dieselbe Richtung weist. Graf Gleichen nannte den Hopfenstock 1861 „Schlaraffias Wiege" — obwohl die Gründung nachweislich ein Jahr zuvor bei Freund stattgefunden hatte und der Hopfenstock erst im Herbst 1860 bezogen wurde. Ein Irrtum, oder die Erinnerung an etwas, das dort tatsächlich seinen Anfang nahm — nur nicht die Schlaraffia selbst, sondern das Ritterspiel, das sie sich aneignete?
Was offen bleibt
Der Verfasser des Aufsatzes, der diese These für die schlaraffische Chronik aufgearbeitet hat, ist bei aller Sorgfalt redlich: Es gebe „kein Dokument, das die Übernahme direkt beweist, aber Indizien genug". Sein eigener Befund lautet, bei der Schlaraffia entstehe „der Eindruck eines frühzeitig einsetzenden Verdrängungsprozesses" — als sei die eigene Übernahmegeschichte schon bald nach 1861 aus der Erinnerung des Bundes verschwunden.
Diese Seite ist kein Angriff auf die eigene Überlieferung. Ein Bund, der die Frage nach seiner Herkunft offen stellt, wird ernster genommen als einer, der sie nicht stellt.
Quellen zu dieser Seite: Dr. Dietrich Herzog, Vortrag zur 22. Deutschen Studentenhistorikertagung, 1962; Rt Kuni-fechs (232), Aufsatz in der Chronik des Verbandes Allschlaraffia, Band IV.