
Prag, eine Kunststadt
Prag hatte im 19. Jahrhundert den Ruf einer Kunststadt ersten Ranges. Das Ständetheater stand unter seinem Direktor Franz Thomé — 1858 unter neun Bewerbern ausgewählt — im Zenit seines Ruhmes; das deutsche und das tschechische Ensemble teilten sich dieselbe Bühne, und in eben diesem Haus hatte Mozart siebzig Jahre zuvor den Don Giovanni selbst dirigiert.
Das Bürgertum hatte sich nach dem Scheitern der Revolution von 1848 in die Salonkultur zurückgezogen. Sammelpunkt des künstlerischen Lebens war der Kunst- und Künstlerverein Arcadia, in dessen Vorstand der Akademiedirektor Eduard Engerth saß, der Hofrat Karl Egon Ebert, der Konservatoriumsdirektor Jan Bedřich Kittl, Universitätsprofessor Baron Leonhardi, der Redakteur Ferdinand Břetislav Mikovec — und Franz Thomé.
Die meisten der späteren Gründer waren Schauspieler, Sänger und Musiker in saisonalen Engagements: Leute mit Bildung und Witz, aber ohne Vermögen und ohne gesellschaftliche Absicherung. Das ist der Boden, auf dem alles Weitere wächst.
Der Streit
„Leider war indessen auch das Protzenthum in der »Arcadia« zahlreich vertreten, und als Director Thome eines Tages eines seiner Mitglieder zur Aufnahme meldete, welches Stadtbekanntermassen mit irdischen Gütern nicht überreich gesegnet war, da kam es zwischen Thome und den Vorstandsmitgliedern der »Arcadia« zu Erörterungen, in deren Verlaufe das Wort »Proletarier« fiel. Entrüstet ob solcher Beleidigung eines seiner Mitglieder, meldete Thome seinen Austritt aus der »Arcadia« an."
— Rt Drasal vom Glockenthurm, Chronica Allschlaraffiae, I. Teil [CHR-A]
Der Beleidigte hat einen Namen, und die Verbandschronik nennt ihn sechzig Jahre später ausdrücklich, um ihn in Schutz zu nehmen:
„Das herauszustellen erscheint wegen der Ehrenrettung des jungen Opernsängers Albert Eilers wichtig. Er ist, 28jährig, i. J. 1858 nach Prag gekommen. […] Bleibt also, daß Eilers wohl ein ‚armer Teufel', aber sonst ein makelloser, charakterlich einwandfreier, von hohen Idealen erfüllter Mann gewesen ist."
— Chronik des Verbandes Allschlaraffia, Band I [VCH I]
Der Trotz
Thomé und die Betroffenen wandten sich einer Runde zu, die weder Namen noch Statuten hatte und sich allabendlich in Freund's Restauration an der Ecke Wassergasse und Grube traf. Und sie gaben sich genau den Namen, mit dem man sie beleidigt hatte:
„Aber die Consternation hielt nicht lange an, bald gewannen Frohsinn und Humor wieder die Oberhand, und unter Jubel wurde beschlossen, die namenlose Tafelrunde, der »Arcadia« zum Trotz, »Proletarier-Club« zu benennen." [CHR-A]
Die Proletarier-Namen
Hier sieht man zum ersten Mal, wie schlaraffische Namen entstehen: aus dem Beruf, mit einem Augenzwinkern. Aus diesen acht Spitznamen wurden zwei Jahre später Ritternamen.
| Proletarier-Name | Profan | Beruf |
|---|---|---|
| Taktstockproletarier | Wilhelm Jahn | Kapellmeister |
| Bauproletarier | Heinrich Mick | Baumeister |
| Mehlproletarier | Allram | Kaufmann |
| Tenorproletarier | Eduard Bachmann | Tenorist |
| Balletproletarier | Wenzel Reissinger | Ballettmeister |
| Bassproletarier | Albert Eilers | Bassist |
| Celloproletarier | Goltermann | Cellist |
| Federproletarier | Carl Tobisch | Redakteur |
[CHR-A]
Noch am selben Abend entstand das Proletarier-Quartett, gedichtet und komponiert von Eilers, gesungen von Bachmann, Slansky, Mick und Eilers. Der Gesang stand also von der ersten Stunde an im Mittelpunkt — er ist nicht Beiwerk der Schlaraffia, sondern ihre Keimzelle. [CHR-A, BRA-11]
Was offen bleibt
Drasal setzt den Bruch mit der Arcadia ins Frühjahr 1859. Das Österreichische Biographische Lexikon, die Allgemeine Deutsche Biographie und der tschechische Publizist Servác Heller nennen dagegen erst 1860 als Gründungsjahr der Prager Arcadia — und Thomé bei ihrer Konstituierung als gewähltes Direktionsmitglied. Dann wäre er nach der Schlaraffia-Gründung noch in der Leitung des Vereins gewesen, den er im Zorn verlassen hatte.
Aufgelöst ist dieser Widerspruch nicht. → Was wir nicht sicher wissen