Das Ende der Praga hat zwei Stufen: erst verlor sie ihre Kinder, dann ihr eigenes Leben. Diese Seite erzählt beide, ohne Beschönigung.
Der 23. April 1933, Leipzig
Die nationalsozialistische Regierung stellte den reichsdeutschen Reychen drei Bedingungen für eine weitere Duldung:
„1. Loslösung von Allmutter Praga. 2. Annahme des Arierparagraphen. 3. Gleichschaltung, das heißt: Annahme des Führer-Grundsatzes."
Die Praga selbst antwortete zurückhaltend: Es müsse den reichsdeutschen Reychen überlassen bleiben, den richtigen Weg zu suchen, „um das zu tun, was die Gegenwart erheischt". Auf Einladung der Berolina versammelten sich am 23. April 1933 in Leipzig 89 Delegierte mit 116 Stimmen; 131 Reyche und Colonien waren betroffen. Die Debatte dauerte Stunden. Sie ist protokolliert, und sie ist quälend zu lesen: Redner, die sich schämen, alte verdiente jüdische Sassen — oft die Gründer ihrer eigenen Reyche — hinauszudrängen; andere, die auf die Behörden verweisen; einzelne Reyche, die ankündigen, sich lieber ganz aufzulösen.
Der Beschluss:
„1. Die Führung reichsdeutscher Reyche durch die ‚Allmutter' Praga hat mit dem heutigen Tage aufgehört. 2. Mitglieder der einzelnen reichsdeutschen Reyche dürfen nur Männer sein, die arischer Abstammung sind, auf nationalem Boden stehen und sich die Pflege des Deutschtums zur Pflicht machen."
Und, im selben Dokument, von demselben Redner:
„Was wir wollen und müssen, ist die Trennung von der geschäftlichen Leitung der Allmutter. Die ideale Mutter des Gedankens der gesamten Allschlaraffia der Welt wird bis in alle Ewigkeit das Idol der Allmutter Praga sein. Wir werden uns nie abhalten lassen, das ‚Lulu Praga', das ‚Heil Praga Dir' zu singen."
Der Kontrast zwischen dem zweiten Satz des Beschlusses und diesen Worten ist der ehrlichste denkbare Befund über 1933: Der Ausschluss der jüdischen Sassen und die gleichzeitige Beschwörung der „Mutter des Gedankens" standen im selben Atemzug, ohne dass die Delegierten den Widerspruch aufzulösen versuchten.
Wer sich beugte, wer nicht
Nicht alle Reyche fügten sich. Die Hammonia in Hamburg löste sich zwei Wochen vor dem Leipziger Tag selbst auf, um ihre zwanzig jüdischen Sassen zu schützen. Die Stutgardia weigerte sich standhaft und trat aus dem Bund Deutsche Schlaraffia aus. Die amerikanischen Reyche erklärten öffentlich:
„… daß wir alle nach wie vor treu und fest zu unserer geliebten Allmutter Praga stehen werden und mit dem Arier-Paragraphen nichts zu tun haben wollen."
Die Berolina, auf deren Einladung die Leipziger Versammlung überhaupt stattfand, war nicht standhaft — bei ihr mussten mindestens 39 jüdische Sassen gehen. Ihr Oberschlaraffe fand dafür 2015, in einer Festrede zum 150. Jahrestag des Reyches, den Satz, an dem sich auch der Ton dieser Seite orientiert:
„Es schmerzt bis heute."
Der Verzicht der Allmutter, Posonium 1938
Am XIII. Concil zu Posonium (Bratislava), 26. bis 28. Mai 1938 — dem letzten Concil vor dem Krieg —, gab die Praga ihre Vorrechte selbst ab:
„Und als Allmutter Praga befürchten mußte, daß auch sie dereinst über kurz oder lang ihrer Handlungsfreiheit beraubt sein dürfte, da rief sie alle ihre Getreuen gen Posonium, um Allschlaraffia eine Führung zu geben, falls sie selbst nicht mehr in der Lage sein sollte, ihre Hoheitsrechte auszuüben. Frei von jedem äußeren Zwang, aus reinster innerer Entschließung heraus und einzig und allein geleitet von dem Verantwortungsgefühl, verzichtete sie selbstlos auf alle ihre Vorrechte und schuf, um Allschlaraffia eine Führung zu erhalten, den Allschlaraffenrat."
Der Allschlaraffenrat, der bis heute an der Spitze des Bundes steht, ist damit das Vermächtnis einer Praga, die bereits wusste, dass sie nicht mehr lange würde führen können.
Die letzten Monate
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| Herbst 1938 | Die Sippungen werden nicht wieder aufgenommen: „Wir sippen heuer begreiflicherweise nicht, woraus sich in einigen Zeitungen die Nachricht verbreitete, auch Prag habe sich bereits aufgelöst. Solange dies nur halbwegs geht, wollen wir dies verhindern." |
| 11. Februar 1939 | Rt S. O. S.topsil (Friedrich Ballabene) reist nach Bern |
| 3. März 1939 | Letzter Sendbote der Praga in der Schweiz. Er schildert „die äußerst verzweifelte Lage seines Reyches und seiner Stadt" |
| 15. März 1939 | Deutsche Truppen besetzen die Rest-Tschechoslowakei: „mußte mit wehem Herzen die Praga endgültig als erloschen betrachtet werden. Alle direkten Nachrichten waren verstummt." |
| April 1939 | Der amerikanische Allschlaraffenrat weist an, jeden Sendbotenverkehr mit Praga sofort einzustellen — zum Schutz der Betroffenen |
| 17. Juni 1939 | Die Schlaraffia in den böhmischen Ländern erlischt offiziell durch Verordnung des Reichsprotektors |
Kateřina Hlavničková hält dazu fest: „Vor diesem Datum hatte aber schon die Mehrzahl der Vereine ihre Tätigkeit freiwillig beendet, weil sie sich weigerte, die früheren Anordnungen zum Ausschluss der Juden aus ihren Reihen zu befolgen." [HLA-12]
Das Stadtmuseum Prag fasst den Kern in einem Satz zusammen: „Die Tradition des freiheitlichen, unpolitischen Vereins in Prag zerstörte faktisch erst der nationalsozialistische Antisemitismus und die Anwendung der Arierparagraphen im Jahr 1939." [MMP]
Die Schweizer Reyche hatten zuvor ein Angebot der Praga abgelehnt, deren Geschäfte zu übernehmen. Ihre Begründung:
„Wenn die Allmutter Praga erlöschen sollte, so sagten sie, dann bleibt sie uns auf ewige Zeiten ein leuchtendes Symbol, allen menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten entrückt."
Wer betroffen war
Ein nicht geringer Teil der Prager Mitgliederbasis war deutschsprachig-jüdisch. Die Mitgliederdatenbank des Forschungsprojekts Opava nennt unter anderem:
| Profan | Lebensdaten | Beruf | Rittername |
|---|---|---|---|
| Friedrich Adler | 1857–1938 | Dichter, Jurist, Dolmetscher der Nationalversammlung der ČSR | Don Gil die spanische Nachtigall |
| Paul Kisch | 1883–1944 | Journalist | Schmisso der Bohemien |
| Oskar Wiener | 1873–1944 | Journalist, Literat | Potz von Traun |
| Erwin Schulhoff | 1894–1942 | Komponist | Praterschani zum Erweinen |
| Otto Antscherl | 1895–1942 | Philologe | Junker Otto |
| Georg Jilovsky | 1884–1958 | Künstler | Mezzotinto der Geschabte |
[UHV]
Wie wir mit Namen umgehen
Diese Tabelle nennt Sterbejahre, aber keine Todesumstände. Aus einem Sterbejahr allein lässt sich kein Schicksal konstruieren — 1942 oder 1944 ist auf dieser Liste ein Datum, keine Erzählung. Diese Seite führt deshalb keine Opferliste, solange die einzelnen Biographien nicht eigens belegt sind. Wer zu einer der genannten Personen forscht oder forschen möchte: Das Nationalarchiv Prag verwahrt den Bestand Schlaraffia Praha; zu Oskar Wiener hat Václav Petrbok gearbeitet; zur Mitgliederbasis allgemein Kateřina Kalašová (Historica Pragensia 9, 2022, S. 21–55). Ein sorgfältig belegter Absatz über eine einzelne Person ist dieser Seite jederzeit willkommener als eine ungeprüfte Namensliste. → Mitwirken, korrigieren, ergänzen
Nach 1945
Eine Wiederbelebung war nicht möglich. Die deutschsprachige Mitgliederbasis war teils in Vernichtungslagern umgekommen, teils vertrieben. Und danach verhinderten die kommunistischen Behörden eine Neugründung, weil sie die Schlaraffia als deutsche Organisation einstuften:
„Im ehemaligen deutschen Osten, von Ostpreußen bis zum Eisernen Vorhang, bleibt es uhufinster, wenn auch kein direktes Verbot der Schlaraffia besteht. Auch in allen Satellitenstaaten der Sowjets sowie in Jugoslawien wurde die Wiedererrichtung der Schlaraffen-Reyche nicht gestattet."
Von der Praga selbst blieb, was sich retten ließ, ehe die Grenze zufiel — Banner, Schrein, Pforte, ein Archiv. → Was blieb
Und eine Linie, die 1925 in Eisenach begonnen hatte, lief weiter, unabhängig von allem, was in Prag geschah. → Die Ysenaha und die Allmutter